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 Medienwissenschaft
 
 
 
 
 
Leonhard, Joachim-Felix u. a. (Hrsg.)
Medienwissenschaft: ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. 3 Bd., Berlin u. a.: de Gruyter, 1999–2002.
ISBN 3-11-013961-8, ISBN 3-11-016326-8,
ISBN 3-11-016676-3
 
Rezension von (2004)
 

Einleitung

Dieses 3-bändige, fast 3000 Seiten umfassende Monumentalwerk der Medienwissenschaft (im Folgenden HMW = Handbuch der Medienwissenschaft abgekürzt) verfügt über drei Register: Namen-, Institutionen- und Sachregister. Alle drei Register haben einen Gesamtumfang von 110 Seiten, was auf den ersten Blick recht imposant erscheint, jedoch nicht mal 4% des HMW-Gesamtumfanges entspricht. Für ein wissenschaftliches Werk ist dies zu wenig; der doppelte Umfang wäre angebracht gewesen. Der Anteil des eigentlichen Sachregisters mit lediglich 25 Seiten ist zudem sehr mager ausgefallen.
 

Aufteilung in drei Register

Bereits vor hundert Jahren gab der britische Indexing-Veteran Henry B. Wheatley die Losung „the index, one and indivisible“ aus. Zwar ist in der wissenschaftlichen Literatur die Aufteilung in mehrere Register nicht unüblich. Wenn diese Aufteilung erfolgt, sollten aber auch die Risiken berücksichtigt werden. Index-Benutzer können nämlich leicht bestimmte Einträge verpassen, wenn der „falsche“ Index konsultiert wird. Da viele Personen und Institutionen im HMW als Thema behandelt werden, wäre eine Aufteilung in mehrere Register nicht unbedingt nötig gewesen.

Zwei Beispiele: Das Sachregister enthält den Eintrag „Bibliothekswissenschaft“, das Institutionenregister den generischen Eintrag „Bibliothek“; letzteres ist aber mehr ein Thema denn eine spezifische Institution. Im Sachregister gibt es mehrere, mit „Internet…“ beginnende Einträge, im Institutionenregister den Eintrag „Internet“ – dagegen ist „Information-Super-Highway“ wiederum im Sachregister. Dies verdeutlicht die Problematik der Aufteilung von Registern. Beide Beispiele sind eine Form von Information Scattering – der Verzettelung ein und desselben Themas an verschiedenen Stellen – was in diesem Fall die Benutzer zwingt, in zwei verschiedenen Registern zu blättern (was leicht vergessen oder übersehen werden kann). Querverweise zwischen den Registern hätten hier etwas Abhilfe geschaffen.

Während beim Namen- und Institutionenregister das jeweilige Register im Seitenkopf angegeben ist, ist dies beim Sachregister nicht der Fall; diese Inkonsistenz erschwert das Hin- und Herblättern zwischen den drei Registern.
 

Schwerwiegende Index-Mängel

Während die Aufteilung in drei Register dennoch akzeptabel ist, ist das Nichtvorhandensein folgender, im professionellen Indexing-Bereich eindeutig üblicher Aspekte sehr schwerwiegend.

  • Untereinträge fehlen in allen Registern vollends.
  • Unter vielen Index-Einträgen gibt es zu viele undifferenzierte Seitenangaben von teilweise mehr als 100. Welche Benutzer haben die Zeit, all diese Seitenzahlen mühselig zu durchforsten, um den spezifischen Kontext zu finden, nach dem gesucht wird?
  • Sämtliche Seitenangaben verweisen auf einzelne Seiten, niemals auf Seitenbereiche, wie z. B. 1429–33. Dies riecht sehr nach Konkordanz, und es liegt der Verdacht nahe, dass die Register ausschließlich Begriffe enthalten, die wortwörtlich im Text vorkommen, nicht aber Themen, die implizit behandelt werden.
  • Anscheinend wird nicht zwischen signifikanten Textstellen und solchen, die lediglich beiläufige Erwähnungen darstellen, unterschieden.
  • Es gibt überhaupt keine Querverweise, weder von Synonymen auf bevorzugte Indexeinträge noch von vorhandenen Einträgen auf verwandte Begriffe. Die nicht vorhandene Synonymkontrolle ist besonders schwerwiegend.
     

Das Namenregister

Die Mehrzahl der Einträge hat nur eine geringe Anzahl von Seitenangaben, jedoch genügt anscheinend die bloße Erwähnung, um ins Register aufgenommen zu werden. Beispiele sind „Alexander, Peter“ oder „Spears, Britney“ mit jeweils nur einer Fundstelle. Diese Personen werden im Text aber lediglich als Beispiel nur mit ihrem Namen erwähnt – es sind keine signifikanten Textstellen, bei denen die Leser etwas über Peter Alexander oder Britney Spears erfahren. Zudem werden im gleichen Satz, in dem Britney Spears genannt ist, die Beatles erwähnt; keine Spur jedoch von diesen in irgendeinem der HMW-Register, da deren Logik der Dreiteilung bei der Zuordnung einer Musikgruppe anscheinend zusammenbricht.

Darüber hinaus gibt es aber auch Personeneinträge mit viel zu vielen Seitenangaben (z. B. „Straßner, Erich“ mit über 70). Dies ist ein weiteres Argument für ein einziges Sachregister, da man unter derartigen Personeneinträgen thematische Untereinträge bilden kann, die die vielen undifferenzierten Seitenangaben auflösen. Etliche dieser Untereinträge könnten zudem selbst auch als Haupteintrag erscheinen.

Zu begrüßen ist, dass bibliographische Angaben zitierter Autoren indexiert wurden. Allerdings ist die Zitiertechnik der HMW-Autoren uneinheitlich – mal mit Zitaten im Text, mal nur als Literaturanhang – was natürlich zu einer unterschiedlichen Abdeckung im Personenregister führte. Völlig unklar ist aber, weshalb die Autoren der einzelnen HMW-Beiträge nicht ins Namenregister aufgenommen wurden. Es ist frustrierend, einen bestimmten HMW-Autor als Eintrag zu finden, dann aber festzustellen, dass die Fundstellen sich ausschließlich auf anderweitige bibliographische Angaben beziehen.
 

Das Institutionenregister

Auch hier gibt es Einträge mit zu vielen Seitenangaben. Den kaum zu überbietenden Rekord dürfte wohl der (im Register ausgeschriebene) Eintrag „ARD“ mit einem wahren Tsunami von ca. 170 (!) Seitenangaben darstellen.

Da es keine Querverweise von Abkürzungen zu Vollformen gibt, haben es Benutzer nicht besonders leicht, Einträge dieser Art (z. B. „CNN“) zu lokalisieren – und dies sind keineswegs wenige Fälle. Abkürzungen mit hohem Bekannheitsgrad sollten selbstverständlich gleich als Index-Eintrag zu finden sein. Wer sucht schon nach „Cable News Network“? Ein Querverweis von der Vollform auf „CNN“ wäre in diesem Fall die angebrachte Lösung gewesen.

Wie schon eingangs erwähnt, wären generische Institutionsbegriffe wie „Bibliothek“, „Druckerei“ und „Buchhandlung“ besser im Sachregister aufgehoben. Weitere, das Institutionenregister betreffende Einträge sind im folgenden Abschnitt erwähnt.
 

Das Sachregister

Zunächst seien einige Fälle von Einträgen genannt, die die Problematik der Aufteilung in ein Sach- und Institutionenregister weiter verdeutlichen. Zwar steht „Buchbinderei“ korrekt im Sachregister, doch gerade dieser Eintrag zeigt die Fragwürdigkeit der Platzierung von „Buchhandlung“ im Institutionenregister. Und umgekehrt gehört „Haus des Rundfunks“ – der HMW-Logik folgend – doch wohl eher ins Institutionenregister.

Der Eintrag „Museum“ findet sich sowohl im Sach- als auch im Institutionenregister, jeweils mit unterschiedlichen Seitenzahlen. Dies ist – falls Absicht – eine sehr fragwürdige Lösung, da Benutzer höchstwahrscheinlich nicht mit einem Parallel-Eintrag im jeweils anderen Register rechnen und diesen somit übersehen. Wozu also die Aufteilung der Register, wenn Parallel-Einträge vorkommen?

Ebenfalls nicht nachvollziehbar und verwirrend ist die Zuordnung der beiden folgenden Einträge mit je einer Seitenangabe. „Fixed Satellite Service (FSS)“ findet sich im Sachregister mit der Fundstelle III, 2205. Der sich auf die gleiche Seite beziehende, komplett falsch angesetzte Eintrag „British Satelitte [sic] Service (BSS)“, der korrekt „Broadcast Satellite Service (BSS)“ heißen sollte, findet sich dagegen im Institutionenregister.

Völlig unnütz sind Sachregister-Einträge, die viel zu vage Begriffe darstellen, wie z. B. „Nachricht“, „Technik“ und „Unterhaltung“, wiederum mit sehr vielen Seitenangaben. Welche Indexbenutzer suchen nach solchen abstrakten Begriffen oder sind gar bereit, die vielen Fundstellen aufzusuchen?

Die nicht vorhandenen Querverweise auf spezifischere oder verwandte Begriffe, wie z. B. „Musik siehe auch Popmusik, Volksmusik“, erschweren den Zugang zu zusätzlich relevanten Fundstellen (die Seitenangaben unter Pop- und Volksmusik sind auch nicht unter Musik zu finden). Ein weiteres derartiges Beispiel ist die bereits erwähnte „Buchbinderei“ ohne Seitenangaben von bzw. Querverweis auf „Großbuchbinderei“, auf deren Existenz wohl kaum ein Registerbenutzer von sich aus kommen kann.

Wie beim Institutionenregister gibt es auch im Sachregister viele Einträge, die besser unter ihrer bekannten Abkürzungsform angesetzt worden wären. Zumindest hätte es in solchen Fällen aber siehe-Querverweise von der Abkürzung auf die weniger bekannten Vollformen geben müssen. Ein Beispiel ist UMTS, das zudem fatalerweise mit je einer unterschiedlichen Fundstelle als „Universal Mobile Telecommunications System“ und „Mobiles [sic] Telecommunications System“ eingetragen wurde. Dies ist sogar ein Extremfall von Information Scattering und Beispiel dafür, dass nur ungenügend auf Anpassung und Vereinheitlichung von Indexeinträgen geachtet wurde. Viele weitere Fälle, z. B. „B-to-C“ und „Business to Consumer“, machen das Auffinden der entsprechenden Themen vom Zufall abhängig, was nicht der Funktion eines Sachregisters entspricht!

Am schwerwiegendsten ist jedoch die Auslassung signifikanter Textstellen. Gleich die erste Stichprobe, zum Thema Rundfunk in der Weimarer Republik, förderte diesen erschreckenden Mangel zu Tage. Korrekt wären die beiden Index-Einträge

Rundfunk
     in Weimarer Republik  II 1416–18, 1429–33
 
Weimarer Republik
     Rundfunk in  II 1416–18, 1429–33

Zwar ist der Eintrag „Weimarer Republik“ vorhanden, aber nicht die Seitenzahlen 1416–18; vom zweiten Seitenbereich 1429–33 sind nur die Zahlen 1430 und 1432 genannt (was zeigt, wie ungünstig es ist, keine Seitenbereiche anzugeben). Und bei den mit „Radio…“ oder „Rundfunk…“ beginnenden Einträgen findet man überhaupt keine dieser Seitenangaben.

Auch bei der nächsten Stichprobe, Medienpolitik in den USA, versagt das Sachregister; ein ganzer Beitrag widmet sich diesem Thema in Band III, S. 2741–49. Jedoch gibt es weder einen Index-Eintrag „USA“ noch „Vereinigte Staaten von Amerika“, und unter „Medienpolitik“ finden sich nicht die genannten Seitenangaben. Könnte das etwa daran liegen, dass dieser Beitrag auf Englisch vorliegt, und die Bezeichnung „media politics“ bei der Indexierung von „Medienpolitik“ schlichtweg nicht erkannt wurde?

Wie soll man sich als Benutzer des HMW auf dieses Sachregister verlassen können? Zudem merken die meisten Nutzer wahrscheinlich gar nicht, dass die vermeintlich vollständige thematische Abdeckung durch das Sachregister in Wirklichkeit sehr lückenhaft ist. Wieviel relevante Informationen verpassen die Suchenden?
 

Fazit

Die drei Register des HMW entsprechen nicht modernen Indexing-Standards. Zwar wurden mit großer Akribie einzelne Seitenangaben „gesammelt“, dabei jedoch fundamentale Indexing-Fehler begangen. Information Scattering, nicht vorhandene Querverweise, eine oft unerträglich hohe Anzahl von Seitenangaben, fehlende Abstimmung bei der Formulierung von zusammengehörenden Indexeinträgen, die Nichtunterscheidung zwischen signifikanten und beiläufigen Textstellen sowie die komplette Auslassung von Themen im Sachregister schränken die Auffindbarkeit spezifischer Informationen und damit den generellen Gebrauchswert des HMW stark ein.

Die Registererstellung für ein derart umfangreiches wissenschaftliches Nachschlagewerk wie das HMW stellt sicherlich eine besondere Herausforderung dar, dennoch hätte man sich aus dem Hause de Gruyter in dieser Hinsicht deutlich mehr gewünscht. Da das Register eines solchen Werkes eine ganz klare Schlüsselrolle einnimmt, ist es schade, dass die Registererstellung nicht mit entsprechend angemessenem Aufwand durchgeführt wurde.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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